46. Münchener Fachpresse-Workshop

Aktuelle Aspekte in der onkologischen Supportivtherapie und
der adjuvanten Behandlung des Pankreaskarzinoms

München (24. Juli 2019) -- Die Prophylaxe von febrilen Neutropenien (FN) mittels Granulozyten-koloniestimulierenden Faktoren (G-CSF) kann Leben retten und sollte selbstverständlicher Bestandteil myelosuppressiver Chemotherapien sein, forderte Prof. Hartmut Link, Kaiserslautern. Er stellte die Ergebnisse der zweiten deutschlandweiten Umfrage der Arbeitsgemeinschaft Supportive Maßnahmen in der Onkologie (AGSMO) und der Arbeitsgemeinschaft Internistische Onkologie (AIO) der Deutschen Krebsgesellschaft zur G-CSF-Leitlinienadhärenz vor und bemängelte, dass die Leitlinien zur G-CSF-Prophylaxe noch nicht befriedigend angewendet würden. Große Hoffnungen für die adjuvante Therapie des Pankreaskarzinoms ruhten auf der auf dem Jahreskongress der ASCO (American Society of Clinical Oncology) 2019 präsentierten APACT-Studie, die nab-Paclitaxel + Gemcitabin mit einer Gemcitabin-Monotherapie verglich.


Der Wahl des Studienendpunktes „durch einen unabhängigen radiologischen Review beurteiltes krankheitsfreies Überleben (DFS)“ sei es geschuldet, dass die Studie keine signifikante Verlängerung des DFS durch die Kombinationschemotherapie zeigen konnte, sagte Prof. Helmut Oettle, Friedrichshafen. Da jedoch die noch unreifen Interimsergebnisse zum Gesamtüberleben unter nab-Paclitaxel + Gemcitabin deutlich besser waren als unter Gemcitabin alleine, sollten für eine abschließende Beurteilung der Studie die finalen Ergebnisse zum Gesamtüberleben abgewartet werden. Ein aktuell wieder kontrovers diskutiertes Thema ist die komplementäre Misteltherapie. Eine begleitend zur konventionellen systemischen Tumortherapie durchgeführte Therapie mit einem Mistelextrakt kann jedoch Nebenwirkungen der Tumortherapie reduzieren und die Lebensqualität der Patienten steigern, erklärte Dr. Daniela Paepke, München. Insbesondere für die Verbesserung der Lebensqualität bestehe eine gute Evidenz. Für 2020 wird eine neue Cochrane Analyse zur Misteltherapie erwartet.


G-CSF-Prophylaxe bei Chemotherapie sichert die Einhaltung der Dosisintensität

Die korrekte und evidenzbasierte Dosisintensität einer Chemotherapie ist Voraussetzung für das Erreichen des Therapieziels. Dosisreduktionen oder Intervallverlängerungen zwischen den einzelnen Chemotherapiezyklen reduzieren die erforderliche Dosisintensität und gefährden so das Therapieziel. „Bei verminderter Dosisintensität der adjuvanten CMFChemotherapie beim Mammakarzinom um mehr als 15%, war in einer Studie das Überleben der Patientinnen signifikant schlechter und vergleichbar mit den mit Placebo behandelten Patientinnen“, berichtete Prof. Hartmut Link. Vergleichbare Ergebnisse wurden auch für andere maligne Erkrankungen wie z.B. aggressive Non-Hodgkin-Lymphome publiziert, so Link weiter. Eine Neutropenie kann aber nicht nur zu einer verminderten relativen Dosisintensität der Chemotherapie führen, sondern auch zu febrilen Neutropenien und damit verbundenen lebensbedrohlichen Infektionen. „Neutropenien können damit nicht nur zu einer reduzierten Lebensqualität und – aufgrund medikamentöser Interventionen und Hospitalisierungen – zu steigenden Kosten führen, sondern auch zu reduzierten Überlebensraten“ fasste Link zusammen.


Prophylaxe mit G-CSF reduziert Häufigkeit, Schwere und Dauer von Neutropenien

Zur Prophylaxe von Neutropenien stehen G-CSF-Präparate zur Verfügung, die die Granulopoese signifikant beschleunigen. Durch den Einsatz von G-CSF-Präparaten werden Häufigkeit, Schwere und Dauer von Neutropenien sowie die Häufigkeit von febrilen Neutropenien reduziert und die Mortalitätsrate vermindert. (1,2) Die Daten eines systematischen Reviews und der Meta-Analyse von 59 randomisierten klinischen Studien konnte eine Reduktion der Mortalität durch eine primäre G-CSF-Prophylaxe bei verschiedenen Tumorerkrankungen zeigen. Die deutlichste Mortalitätsreduktion (alle Ursachen) wurde bei Patienten mit Lungenkarzinom und malignen Lymphomen beobachtet. (3) In einer  aktuellen Meta-Analyse konnte gezeigt werden, dass eine primäre G-CSF-Prophylaxe zwar zu einem leicht erhöhten Risiko für Sekundärmalignome, aber insgesamt zu einem verlängerten Gesamtüberleben der Patienten führte. Den größten Überlebensvorteil hatten Patienten unter dosisdichter Chemotherapie mit primärer G-CSF-Prophylaxe. (4) „Dosisdichte Chemotherapien können nur mit G-CSF-Support durchgeführt werden, dieser ermöglicht diese Therapien mit oft kurativer Intention überhaupt erst“, kommentierte Link. Zu den häufigsten Nebenwirkungen von G-CSF-Präparaten gehören Schmerzen des Muskel- und Skelettsystems. „Die Myalgien und Knochenschmerzen treten aber nur vorübergehend auf und sind meist nur von leichter bis mittlerer Intensität. Trotzdem muss man die Patienten darüber aufklären und die Beschwerden mit Standard-Analgetika über 5-8 Tage behandeln“, erklärte Link. 


Biosimilares Pegfilgrastim vergleichbar wirksam und vergleichbar sicher

Besonders vorteilhaft für die G-CSF-Prophylaxe sind lang wirksame Präparate wie Pegfilgrastim, die nur einmal pro Zyklus gegeben werden, führte Link aus. Inzwischen stehen auch für Pegfilgrastim Biosimilars zur Verfügung wie z.B. Pelmeg®. Das pegylierte und damit lang wirksame G-CSF gleicht im Wesentlichen dem Referenzpräparat. (5) Zum Nachweis seiner Biosimilarität in Bezug auf Qualität, Sicherheit und Wirksamkeit hat Pelmeg® ein strenges präklinisches und klinisches Studienprogramm durchlaufen und wurde von der EMA in den gleichen Indikationen wie die Referenz zugelassen. (5, 6) Pelmeg® wird als subkutane Injektion einmal pro Chemotherapiezyklus frühestens 24 h nach der Chemotherapie verabreicht. (5) Pegfilgrastim-Biosimilars können einen Beitrag zu einer kostengünstigen Supportivtherapie bei Patienten unter Chemotherapie leisten, so Link.


Umfrage zeigt Defizite bei der Leitlinienadhärenz in der Praxis

Die G-CSF-Prophylaxe sollte sich nach den evidenzbasierten und aktuellen Leitlinien nationaler und internationaler Fachgesellschaften richten, wobei die deutsche S3-Leitlinie (7) sich weitgehend im Konsens mit den internationalen Leitlinien von ASCO (8) und EORTC (9) befindet. Die Bewertung der Notwendigkeit einer G-CSF-Prophylaxe sollte jeden Zyklus erneut erfolgen, wobei erster und wichtigster Faktor hierbei die Chemotherapie selbst darstellt. (9) Bei einem hohen FN-Risiko (≥ 20%) ist eine G-CSF-Prophylaxe indiziert, während bei einem intermediären Risiko von 10-20% für die Durchführung einer primären G-CSF-Prophylaxe außerdem patientenbezogene Risikofaktoren wie z.B. Alter über 65 Jahre oder ein fortgeschrittenes Krankheitsstadium vorliegen müssen. (9)

Auch heute ist eine leitliniengereichte FN-Prophylaxe mit G-CSF keine Selbstverständlichkeit, berichtete Link. 2012 ergab eine von der Arbeitsgemeinschaft Supportive Maßnahmen in der Onkologie, Rehabilitation und Sozialmedizin (ASORS) der Deutschen Krebsgesellschaft durchgeführte retrospektive, multizentrische Datenerhebung und Analyse, dass die Leitlinien im deutschen Praxisalltag bei Patienten mit Mammakarzinom, Lungenkarzinom und malignen Lymphomen nur teilweise umgesetzt werden. (10) Drei Jahre später führte die ASORS – heute Arbeitsgemeinschaft Supportive Maßnahmen in der Onkologie (AGSMO) – in Zusammenarbeit mit der Arbeitsgemeinschaft Internistische Onkologie (AIO) der Deutschen Krebsgesellschaft eine zweite Datenerfassung zur Leitlinienumsetzung bei der Neutropenieprophylaxe auf etwas kleinerer Datenbasis (1374 Patienten mit Lungen- oder Mammakarzinom) durch. (11) Dieser repräsentativen Stichprobe zufolge haben sich Bekanntheitsgrad und Umsetzung der Leitlinien verbessert. Die Leitlinienadhärenz im Bereich Lungenkarzinom war allerdings noch immer verbesserungsbedürftig. So erhielten weniger als die Hälfte der Patienten mit Lungenkarzinom und einer Chemotherapie mit hohem FN-Risiko eine der EORTC-Leitlinie entsprechende Neutropenieprophylaxe mit G-CSF. (11)


Pankreaskarzinom: Auch 2019 eine therapeutische Herausforderung

Neue Daten zum Pankreaskarzinom vom Jahreskongress der ASCO 2019 stellte Prof. Helmut Oettle, niedergelassener Onkologe in Friedrichshafen, vor. „Bevor 1997 Gemcitabin zugelassen wurde, gab es quasi keine Therapie für das fortgeschrittene Pankreaskarzinom“, so Oettle. Mittlerweile habe es auch in der Therapie des Pankreaskarzinoms Fortschritte gegeben, wenn auch nicht in der Größenordnung wie bei anderen Tumorentitäten. „Aber wir haben auch Zweit- und Drittlinientherapien entwickelt, ebenso wie adjuvante und neoadjuvante Konzepte und für Patienten mit BRCA-Keimbahnmutation gibt es erste Ansätze mit der PARPInhibition.“ Die einzige potentiell kurative Therapieoption beim Pankreaskarzinom ist derzeit jedoch nach wie vor die Operation, wobei eine adjuvante Therapie nach der Operation das Langzeitüberleben der Patienten verbessern kann. Hierbei sei es wichtig, dass die Operation in einem Zentrum erfolgt, in der der Operateur mindestens 16 Patienten mit Pankreaskarzinom im Jahr operiert, betonte Oettle. (12)


ASCO 2019: APACT Studie untersuchte nab-Paclitaxel plus Gemcitabin in der Adjuvanz

Für die adjuvante Chemotherapie des Pankreaskarzinoms werden derzeit gemäß den Ergebnissen verschiedener Studien eine Monotherapie mit Gemcitabin (13) und das modifizierte FOLFIRINOX-Regime (14) empfohlen. Allerdings kommt mFOLFIRINOX trotz der signifikanten Verlängerung des medianen Gesamtüberlebens (OS) gegenüber der Monotherapie mit Gemcitabin aufgrund seiner deutlich höheren Toxizität nicht für jeden Patienten infrage. Deshalb wurden in die auf dem ASCO 2019 vorgestellte adjuvante APACTStudie mit nab-Paclitaxel (Abraxane®) plus Gemcitabin große Hoffnungen gesetzt. „Man erhoffte sich, dass diese Studie einen neuen Behandlungsstandard in der adjuvanten Therapie des Pankreaskarzinoms nach sich ziehen würde“, sagte Oettle. Die Hoffnungen waren durchaus begründet, so Oettle weiter, denn beim metastasierten Pankreaskarzinom werde durch die Hinzunahme von nab-Paclitaxel zu Gemcitabin eine deutliche Verbesserung der Remissionsraten erzielt. (15) Außerdem wurde eine signifikante Verbesserung des medianen Gesamtüberlebens beobachtet. (16) nab-Paclitaxel ist derzeit beim Pankreaskarzinom in Kombination mit Gemcitabin für die Erstlinienbehandlung in der metastasierten Situation zugelassen.

Die randomisierte, unverblindete, internationale Phase-III-Studie APACT verglich nabPaclitaxel in Kombination mit Gemcitabin mit einer Gemcitabin-Monotherapie als adjuvante Therapie bei Patienten mit chirurgisch reseziertem Adenokarzinom des Pankreas. (17) In einer 1:1 Randomisierung erhielten 866 Patienten entweder 125 mg/m² nab-Paclitaxel und 1000 mg/m² Gemcitabin oder nur 1000 mg/m² Gemcitabin jeweils an den Tagen 1, 8 und 15 von 28tägigen Zyklen. Die adjuvante Chemotherapie erfolgte über 6 Zyklen oder bis zum Progress oder Tod oder inakzeptable Toxizität. Primärer Endpunkt der Studie war das krankheitsfreie Überleben (disease free survical, DFS), beurteilt durch einen unabhängigen radiologischen Review. Sekundäre Endpunkte der Studie waren das Gesamtüberleben und die Sicherheit.

287 Patienten (66%) erhielten alle 6 Zyklen der Kombinationschemotherapie mit nabPaclitaxel und Gemcitabin. Im Gemcitabin-Monotherapie-Arm erhielten 310 (71%) Patienten alle geplanten 6 Zyklen. Das durch den unabhängigen Review beurteilte mediane DFS in der Intention-to-Treat-Population lag im Kombinationstherapie-Arm bei 19,4 Monaten gegenüber 18,8 Monaten im Gemcitabin-Monotherapie-Arm. Demnach war das krankheitsfreie Überleben unter nab-Paclitaxel plus Gemcitabin nicht signifikant länger (HR: 0,88; 95% CI:0,729-1,063; p (stratifizierter log-rank) = 0,1824).


Fehlentscheidung bei der Wahl des Studienendpunkts 

Der primäre Endpunkt des radiologisch beurteilten DFS ist laut Oettle die Schwachstelle des Designs der Studie. Der beurteilende Radiologe durfte an der Studie nicht beteiligt sein und keine klinischen Daten oder Labordaten zur Beurteilung der Progression heranziehen. Oettle: “Die Wahl dieses Endpunkts war eine Fehlentscheidung, ein Rezidiv ist durch die Radiologie nicht oder viel zu spät erkennbar“. So zeigte die durch den Prüfarzt festgelegte Analyse des DFS ein anderes Bild, da der Prüfarzt alle Faktoren zur Beurteilung eines Rezidivs heranziehen konnte. Das Investigator-assessed DFS betrug im Kombinationstherapie-Arm 16,6 Monate gegenüber 13,7 Monaten unter Gemcitabin mono (HR: 0,82; 95% CI: 0,694 – 0,965; p (nominal) = 0,0168). Die Ergebnisse seien vergleichbar mit denen zuvor durchgeführter adjuvanter Studien beim Pankreaskarzinom und zeigten z.B. für den Gemcitabin-Monotherapiearm Ergebnisse, die mit denen anderer Studien übereinstimmten und auch der statistischen Ausgangsbasis entsprächen, so Oettle. „Keine andere Studie beim Pankreaskarzinom hatte das unabhängig radiologisch beurteilte DFS als Endpunkt, damit sind die Studienergebnisse der APACT-Studie nicht mit diesen vergleichbar“, kritisierte Oettle. Es sei ärgerlich, dass durch die Wahl eines falschen Studienendpunktes die Ergebnisse der Studie als negativ angesehen würden. „Betrachtet man die Studie genau, war sie eigentlich eine positive Studie“, so Oettle.


Vorläufige Daten zeigen OS-Vorteil und erwartetes Sicherheitsprofil

Zum sekundären Endpunkt, dem Gesamtüberleben (OS), lagen auf dem ASCO noch unreife Interimsergebnisse vor: So betrug das mediane OS nach einem medianen Follow-Up von 38,5 Monaten unter nab-Paclitaxel plus Gemcitabin 40,5 Monate gegenüber 36,2 Monate unter Gemcitabin (HR: 0,82; 95% CI: 0,680 – 0,996; p (nominal) = 0,045). Auch die vorab spezifizierte Analyse des OS in den Subgruppen zeige, dass nab-Paclitaxel plus Gemcitabin beim Pankreaskarzinom eine wirksame adjuvante Therapie darstelle, berichtete Oettle. Für definitive Ergebnisse zum OS, die die Rolle der Kombination nab-Paclitaxel plus Gemcitabin in der adjuvanten Therapie des resezierten Pankreaskarzinoms weiter definieren können, muss noch abgewartet werden. 

Das Sicherheitsprofil der Kombinationstherapie entsprach den bereits in der MPACT-Studie beobachteten Daten. „FOLFIRINOX führt zu deutlich mehr Neutropenien als nab-Paclitaxel plus Gemcitabin und erfordert eine G-CSF-Prophylaxe“, erläuterte Oettle. Insofern sollte die Kombination aus nab-Paclitaxel und Gemcitabin auch als Alternative für Patienten weiter untersucht werden, die kein FOLFIRINOX erhalten können, so auch die Autoren der Studie. 


Fortschritte durch PARP-Inhibition nur bei Patienten mit BRCA-Keimbahnmutation

Insgesamt zeigten eine Reihe von Studien, dass Verbesserungen in der Therapie des Pankreaskarzinoms auf dem Weg sind, erklärte Oettle. Gerade geschlossen wurde die NEONAX Studie. Die kleine prospektive, randomisierte, kontrollierte Phase-II-Studie der AIO Arbeitsgruppe Pankreaskarzinom untersucht die neoadjuvante plus adjuvante oder nur adjuvante Therapie mit nab-Paclitaxel plus Gemcitabin beim resektablem Pankreaskarzinom. Bei der kleinen Subgruppe der Patienten mit Pankreaskarzinom und BRCA-Keimbahnmutation erwies sich der PARP-Inhibitor Olaparib als wirksam. Auf dem ASCO 2019 wurde die PhaseIII-Studie POLO präsentiert, die eine Erhaltungstherapie mit Olaparib bei Patienten mit metastasiertem Pankreaskarzinom und einer Keimbahnmutation im BRCA1- oder BRCA2Gen (gBRCAm) nach platinhaltiger Chemoinduktionstherapie untersuchte. (18) Olaparib führte zu einer statistisch signifikanten und klinisch relevanten Verlängerung des PFS gegenüber Placebo (median 7,4 vs. 3,8 Monate; HR: 0,53; p=0,0038). Damit wurde das Progressionsrisiko unter Olaparib um 47% vermindert. Nach 2 Jahren waren 22,1% der Patienten unter Olaparib noch ohne Progress im Vergleich zu 9,6% unter Placebo. Die Daten zum Gesamtüberleben sind noch nicht reif, so dass hier noch keine abschließende Aussage getroffen werden kann. Die Erhaltungstherapie mit dem PARP-Inhibitor beeinträchtigte die Lebensqualität der Patienten nicht, so Oettle. Sollten sich die Daten dieser Zwischenanalyse erhärten, dürfte sich ein neuer Therapiestandard etablieren, von dem aber bisher leider nur die Patienten mit Pankreaskarzinom und BRCA-Keimbahnmutation profitieren können.


Misteltherapie in der Onkologie – Mythen und Wahrheit

Die Misteltherapie gehört in Deutschland zu den am häufigsten verordneten komplementärmedizinischen Maßnahmen in der Tumortherapie. Eingesetzt wird sie hauptsächlich zur Verbesserung der Lebensqualität und zur Verminderung von Nebenwirkungen der systemischen Tumortherapie, erklärte Dr. Daniela Paepke. Auch sei sie eine der am besten untersuchten Phytotherapien. (19) Die stellvertretende Vorsitzende der AGO Kommission Integrative Medizin beschäftigte sich anlässlich eines vor kurzem im Journal of Cancer Research and Clinical Oncology publizierten Reviews zur Misteltherapie bei onkologischen Patienten mit der wissenschaftlichen Grundlage der Misteltherapie in der Onkologie. Der Review war zu dem Schluss gekommen, dass die Misteltherapie keine Wirkung auf Überlebenszeit und Lebensqualität habe und onkologische Patienten keine Mistel zur Linderung von Symptomen der Tumorerkrankung oder von Nebenwirkungen der onkologischen Therapie erhalten sollten. (20) „Mittlerweile wurde die Publikation bereits als Sekundärveröffentlichungen zitiert, so dass sowohl Fachkreise als auch Patienten verunsichert sind“, kritisierte Paepke. Eine Gruppe namhafter Forscher hat bereits in einem Leserbrief gefordert, die Publikation entweder zu korrigieren oder ganz zurückzuziehen. (21)


Verbesserung der Lebensqualität und Reduktion von therapiebedingten Nebenwirkungen

Die Onkopedia-Leitlinien der DGHO sehen aus 18 randomisierten klinischen Studien Evidenz für positive Effekte der Misteltherapie auf die Lebensqualität. (19) Die Kommission Mamma der Arbeitsgemeinschaft Gynäkologische Onkologie (AGO) hat für die Anwendung der Misteltherapie unter systemischer Tumortherapie mit dem Ziel der Linderung von Nebenwirkungen der Tumortherapie und Verbesserung der Lebensqualität eine +/- Empfehlung vergeben (22) und sie damit als Therapiemaßnahme klassifiziert, die in Einzelfällen durchgeführt werden, zu der aber aufgrund der Datenlage keine eindeutige Empfehlung ausgesprochen werden kann. Grundlage der AGO-Empfehlungen ist ein systematischer Review zum Einfluss von Mistelextrakt auf die Lebensqualität von Tumorpatienten. (23) 

Eine 2008 publizierte Cochrane-Analyse berücksichtigte insgesamt 21 Studien, von denen 16 Daten zur Lebensqualität der Patienten lieferten. (24) „14 dieser 16 Studien waren positiv, lieferten also Hinweise darauf, dass die Misteltherapie die Lebensqualität positiv beeinflusst oder Therapienebenwirkungen lindert“, berichtete Paepke. In dem Cochrane-Review wird allerdings in diesem Zusammenhang darauf verwiesen, dass nur zwei der Studien - darunter jene bei Mammakarzinompatientinnen unter Chemotherapie - von hoher methodischer Qualität waren. 6 von 13 Studien, die sich der Frage nach einer Beeinflussung des Überlebens widmeten, zeigten ein längeres Überleben unter der Misteltherapie, bei sieben wurde kein Unterschied festgestellt. Eine neue Cochrane-Analyse, die die seit 2008 erschienenen Studien einbezieht, ist derzeit in Arbeit und soll 2020 erscheinen, so Paepke, die nachfolgend einige neuere Studienergebnisse vorstellte.  

Eine kleine Pilotstudie bei Patientinnen mit frühem Mammakarzinom unter adjuvanter Chemotherapie (Cyclophosphamid, Doxorubicin, 5-FU) zeigte eine Verbesserung der Lebensqualität bei Patientinnen, die zusätzlich zur Chemotherapie Iscador® M spezial oder ein anderes Mistelpräparat erhielten im Vergleich zu den Patientinnen ohne zusätzliche Misteltherapie. Beim Vergleich der Lebensqualität zwischen den Patientinnen, die Iscador erhalten hatten, (n=30) und den Patientinnen, die keine zusätzliche Therapie zur Chemotherapie bekommen hatten (n=31), waren die Unterschiede in verschiedenen Komponenten der Lebensqualität teilweise statistisch signifikant. (25) Ein 5-Jahres-Follow Up der Studie zeigte hinsichtlich der Häufigkeit von Rezidiven und Metastasen keine Unterschiede zwischen den Patientinnen mit und ohne zusätzlicher Misteltherapie. (26)

Eine prospektive, offene, monozentrische randomisierte Phase-III-Studie verglich ein Mistelpräparat (Iscador® Qu) plus Best Supportive Care (BSC) mit alleiniger BSC bei Patienten mit lokal fortgeschrittenem oder metastasiertem Pankreaskarzinom und lieferte in einer ersten Interimsanalyse Hinweise auf ein verlängertes medianes Gesamtüberleben bei den 110 Patienten der Mistelgruppe im Vergleich zu alleiniger BSC. (27) Im Rahmen derselben Studie wurde auch die Beeinflussung der Lebensqualität der Patienten durch die Misteltherapie mit Hilfe der QLQ-C30-Skalen der EORTC untersucht. (28) Im EORTC-Fragebogen zeigte sich in 13 der 15 Dimensionen eine signifikante Überlegenheit der Misteltherapie, berichtete Paepke. Retrospektive Daten einer Beobachtungsstudie zeigten einen Überlebensvorteil bei Patienten mit NSCLC im Stadium IV, die zusätzlich zu ihrer Chemotherapie ein Mistelpräparat erhielten. (29)

Einen Aspekt der Lebensqualität, den Paepke besonders betonte, ist die Schlafqualität der Patientinnen. „Schlechter Schlaf verschlechtert das Überleben von Tumorpatienten, insofern ist die Verbesserung des Schlafs durch eine begleitende Misteltherapie von großer Bedeutung“. Verschiedene Studien haben eine Verbesserung des Parameters Schlaf gezeigt. (25;30;28)


Keine Förderung des Tumorwachstums oder Wechselwirkungen

Die Mistel hat komplexe, systemübergreifende Wirkungen, sagte Paepke. Eine wichtige Komponente sei die Immunstimulation. „Eine Sorge, die immer wieder geäußert wird, ist die Angst vor einer Stimulation des Tumorwachstums durch die Mistel – das wurde bisher weder in Zell- noch in Tierversuchen eindeutig gezeigt. Auch in den klinischen Studien zur Mistel gibt es dafür keinen Anhaltspunkt, keine der Studien aus dem Cochrane Review zeigte eine Verschlechterung des Überlebens unter der Misteltherapie.“ Auch Wechselwirkungen oder eine Abschwächung der konventionellen Systemtherapie wurden bisher weder in vitro noch in vivo beobachtet, so Paepke weiter.

Kürzlich zeigten in vitro Ergebnisse, dass Mistelpräparate und Tamoxifen ohne die Gefahr von Wechselwirkungen kombiniert werden können. (31) Bei der HER2-positiven Mammakarzinomzelllinie SK-BR-3 führte die Hinzunahme von Mistelextrakt nicht zu einer Abschwächung der zytostatischen Wirksamkeit von Trastuzumab. Vielmehr wurden synergistische anti-tumorale Effekte beobachtet. (32) Auch im klinischen Alltag wurde dem Risiko von potentiellen Wechselwirkungen zwischen Misteltherapie und konventioneller systemischer Tumortherapie nachgegangen. 448 Patientinnen, die eine systemische antitumorale Therapie in der gynäkoonkologischen Tagesklinik der TU München erhielten, nahmen an einer Patientenumfrage zu ihrer Medikation teil. 74 % nutzten komplementäre und alternative Medikamente zusätzlich zu ihrer Tumortherapie. Die Suche nach möglichen Wechselwirkungen zwischen biologisch basierten, komplementären und alternativen Medikamenten und der konventionellen Tumortherapie erfolgte mit der digitalen Interaktionsdatenbank Lexicomp®. Außerdem erfolgte eine systematische Suche von Datenbanken wie dem National Center for Complementary and Integrative Health, Memorial Sloan Kettering Cancer Center, PubMed, and MEDLINE und der Cochrane Library. Gemäß dieser systematischen Recherche bestand bei 18,1% der Umfrageteilnehmerinnen ein Risiko für Interaktionen. Eine Patientin hatte ein Risiko für eine klinisch relevante Wechselwirkung aufgrund der Kombination von Echinacea und Cyclophosphamid. „Die Echinacea-Selbstmedikation war allerdings überdosiert“, fügte Paepke hinzu, die selbst an der Studie beteiligt war.


Autorin: Mascha Pömmerl, Feldkirchen-Westerham



Literatur

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Quelle: 46. Münchener Fachpresse-Workshop der POMME-med am 24. Juli 2019 in München; Gemeinsame Sponsoren: Celgene GmbH, Iscador AG, Mundipharma Deutschland GmbH & Co. KG (tB).