109. Aachener Hospizgespraech109. Aachener Hospizgespräch

Hospiz- und Palliativversorgungsnetzwerke müssen nicht nur flächendeckend etabliert und finanziert, sondern auch klar definiert werden!

Aachen/Stolberg (2. Februar 2019) - Im Koalitionsvertrag zwischen CDU/CSU und SPD für die 19. Legislaturperiode heißt es beim Kapitel ‚Gesundheit und Pflege‘: „Wir werden die Hospiz- und Palliativversorgung weiter stärken, insbesondere durch Kostenübernahme für die Koordination von Hospiz- und Palliativversorgungsnetzwerken sowie durch Verbesserungen bei der Versorgung von Kindern und in Altenpflegeeinrichtungen.“ Was aber bedeutet diese Ankündigung konkret? Wie sollen solche Netzwerke arbeiten, welchen Auftrag und welchen Rahmen haben sie? Wie können Krankenhäuser und Alteneinrichtungen in eine solche Vernetzung integriert werden? Wie kann man das, was eine regionale Koordinierungsstelle leistet, finanziell abbilden, und wer ist der Kostenträger? Mit solchen und vielen weiteren Fragen beschäftigte sich das 109. Aachener Hospizgespräch, ein bundesweiter Kongress mit ca. 300 Teilnehmern aus dem In- und Ausland.



Veronika Schönhofer-Nellessen, Leiterin der Servicestelle Hospiz für die StädteRegion Aachen und hauptverantwortliche Veranstalterin der Aachener Hospizgespräche, sagte: „Die Charta für Schwerstkranke und Sterbende hat die notwendige Etablierung regionaler Netzwerke eingefordert, und der Koalitionsvertrag will die Finanzierung der Koordination von regionalen Netzwerken prüfen. Die Koordination von regionalen Netzwerken sollte eine neutrale moderierende Funktion für die Akteure des palliativen und hospizlichen Netzwerkes übernehmen. Sie sollte darüber hinaus eine Beratungs- und Anlaufstelle sein für Bürger, Einrichtungen und Dienste aus dem Gesundheitswesen, die Fragen haben u.a. zu den Themen Fortbildung, hospizlich-palliativer Begleitung und Versorgung stationär wie ambulant, Patientenverfügung und Vorsorgevollmacht. Die Finanzierung solcher regionaler Koordinationsstellen würde die frühzeitige Beratung aller Menschen und Einrichtungen ermöglichen und so eine selbstbestimmte Vorsorge für den letzten Lebensabschnitt unterstützen. Am Lebensende ist die gute Vernetzung aller Schnittstellen der palliativen und hospizlichen Versorgung eine zentrale Säule für eine würdige und qualitativ hochwertige Begleitung schwerkranker Menschen und ihrer Zugehörigen.“

Prof. Dr. Roman Rolke, Direktor der Klinik für Palliativmedizin am Universitätsklinikum Aachen und ärztlicher Leiter der Veranstaltung, sieht große Herausforderungen gerade an den Übergängen zwischen den Sektoren der Versorgung, etwa wenn ein Schwerstkranker vom Krankenhaus in die ambulante Palliativversorgung entlassen wird. „Hier entsteht ein riesiger Koordinationsaufwand, der die weitere Versorgung des Patienten in einem familiären Umfeld sichern soll, das sich dieser Aufgabe kaum gewachsen sieht“, so Rolke. „Mit der Bereitstellung von Pflegebetten und weiteren Hilfsmitteln ist es nicht getan. Wir brauchen auch neue Konzepte, etwa für die psychosoziale Begleitung der Gesamtfamilie in dieser letzten Lebensphase des Betroffenen.“

Waldemar Radtke, Regionaldirektor der AOK Rheinland/Hamburg in der Städteregion Aachen und im Kreis Düren, hält die regionalen Hospiz- und Palliativnetze für unerlässlich: „Da an der Versorgung und Begleitung von schwersterkrankten Menschen und deren Angehörigen Akteure unterschiedlichster Professionen beteiligt sind, erfordert dies eine Vernetzung, um so eine fachlich qualifizierte, strukturierte und bedarfsgerechte sowie würdevolle gemeinsame Sorge sicherzustellen. Dies funktioniert nur in Netzwerken, in denen die Kooperationspartner vertrauensvoll und eng miteinander verbunden sind. In der Region Aachen ist dies bereits heute vorbildlich organisiert. Dennoch ist es richtig und zu unterstützen, dass die Regierungsparteien im Koalitionsvertrag einen Ausbau der Zusammenarbeit und Vernetzung im Gesundheitswesen vereinbart haben – und ausdrücklich die Hospiz- und Palliativversorgung weiter stärken wollen. Denn die in unserer Region funktionierenden Netzwerkstrukturen sind in vielen anderen Regionen alles andere als selbstverständlich.“

Dr. Birgit Weihrauch, Vorsitzende des Deutschen Hospiz- und Palliativverbands (DHPV) a. D., wies darauf hin, dass die Charta zur Betreuung schwerstkranker und sterbender Menschen mit der Verabschiedung eigens hierzu konsentierter Handlungsempfehlungen die grundlegende Bedeutung regionaler Hospiz- und Palliativ-Netzwerke nachdrücklich hervorgehoben habe. „Die Netzwerke sind die Basis und Voraussetzung dafür, dass vernetztes Arbeiten aller Beteiligten auf Ebene der Städte und Kreise gelingt – und damit letztlich auch für eine an den jeweiligen Bedürfnissen der Betroffenen orientierte Betreuung“, so Weihrauch. „Aber auch für ein gemeinsames Grundverständnis aller Akteure, die Entwicklung gemeinsamer Qualitäts-standards sowie für die Weiterentwicklung der regionalen Versorgungsstrukturen unter sich verändernden Rahmenbedingungen haben regionale Netzwerke grundlegende Bedeutung. So fokussiert auch das Hospiz- und Palliativgesetz in vielen seiner Bestimmungen auf Vernetzung und Zusammenarbeit. Eine baldige Realisierung der im Koalitionsvertrag 2018 vorgesehenen Kostenübernahme der Koordination regionaler Hospiz- und Palliativnetzwerke wäre essenziell. Denn viele Kommunen mit gut funktionierenden Netzwerken sind beispielgebend für Austausch, Zusammenarbeit und gemeinschaftliche Prozesse der Weiterentwicklung – auch im Hinblick auf die Umsetzung der Charta, so z.B. auch die Städteregion Aachen. Von besonderer Bedeutung ist es, das Ehrenamt in diese Vernetzung mit einzubeziehen. Denn es geht nicht nur um Versorgungsstrukturen, sondern auch um Hospizkultur, um ehrenamtliches und bürgerschaftliches Engagement, die Schaffung von Öffentlichkeit und Transparenz sowie um den Dialog in unserer Gesellschaft.“

Lothar Kratz, Krankenhausgesellschaft Nordrhein-Westfalen e. V., hob hervor, dass die Betreuung und Behandlung von schwerstkranken und sterbenden Menschen eine wesentliche und besondere Versorgungsaufgabe der Krankenhäuser – meist im Rahmen der allgemeinen Palliativversorgung, aber auch oft unabhängig von dieser Versorgung – sei. Neben der Patientenorientierung, der multiprofessionellen und interdisziplinären Zusammenarbeit in den Kliniken seien vernetze Strukturen in den Regionen, in denen die Krankenhäuser mit ihren spezialisierten Strukturen wichtige Partner sind, bei der Behandlung von besonderer Bedeutung. „Die Vernetzung von stationären und ambulanten, spezialisierten und allgemeinen Strukturen, in die auch das Ehrenamt eingebunden ist, sind für eine patientenorientierte bedarfsgerechte Palliativ- und Hospizversorgung auch im Hinblick auf die Behandlungskontinuität notwendig.“

Claudia Moll, Mitglied des Deutschen Bundestags und Sprecherin des interfraktionellen Gesprächskreises Hospiz, unterstrich noch einmal die Bedeutung des Hospiz- und Palliativgesetzes, mit dem ein großer Schritt in die richtige Richtung unternommen und viele Verbesserungen angestoßen worden seien. „Im Koalitionsvertrag haben wir den Faden aufgenommen, um dort Nachbesserungen vorzunehmen, wo es noch hakt“, sagte Moll. Unter anderem sei der Wettbewerbsdruck, der auf der SAPV lastete, abgebaut worden. „Außerdem werden wir die regionalen Palliativ- und Hospiznetzwerke stärken, indem diese für die Koordinierung finanzielle Unterstützung erhalten sollen. Zentrale Punkte, die wir jetzt angehen müssen, sind zum einen die finanzielle Gleichstellung für Sterbende in Hospizen und Pflegeheimen und zum anderen die Berücksichtigung des höheren Aufwands an Behandlungspflege in der Personalbemessung. Besonders wichtig ist es mir auch, die zahlreichen Ehrenamtlichen, ohne die die Hospiz- und Palliativversorgung undenkbar wäre, in ihrem Engagement zu unterstützen und ihren Bedürfnissen sowie jenen der Angehörigen Gehör zu schenken.“

Prof. Dr. Helen Kohlen, Philosophisch-Theologische Hochschule Vallendar, brachte Betrachtungen zu ethischen Herausforderungen in der Begleitung am Lebensende in die Tagung ein: „Wie soll ich handeln? Was soll ich tun? Grundsätzliche Fragen, die eine Ethik ausmachen, spitzen sich am Lebensende zu. Hochbetagte und gebrechliche sowie meist auch schwerkranke Menschen wollen eines nicht: anderen zur Last fallen. Ethische Prinzipien wie Autonomie, Wohltun und Gerechtigkeit sind nicht vom Kontext eines Entscheidungsprozesses zu lösen, sondern eingebettet in (familiäre) Biographien und institutionelle Rahmenbedingungen. Unser Anspruch auf eine würdevolle Sterbebegleitung "für alle" erfordert eine Ethik der Sorge als Praxis, Politik eingeschlossen“, sagte Kohlen.

Ulla Schmidt, Mitglied des Deutschen Bundestags und Bundesgesundheitsministerin a.D., erklärte: „In Würde zu sterben heißt, in Würde leben zu dürfen – bis zum letzten Augenblick. Das ist auch mein Antrieb, warum ich seit vielen Jahren – auch mit der Hospizstiftung Region Aachen – dafür kämpfe, Sterben in Würde zu ermöglichen. Es ist deshalb ausgesprochen wichtig, dass im Koalitionsvertrag von CDU/CSU und SPD festgehalten ist, die Hospiz- und Palliativversorgung weiter zu stärken, insbesondere durch Kostenübernahme für die Koordination von Hospiz- und Palliativversorgungsnetzwerken. Damit wäre ein wichtiger Schritt nach vorne gemacht. Trotzdem müssen wir immer wieder den Spagat zwischen den Interessengegensätzen von Politik, Zivilgesellschaft und dem Gesundheits- und Sozialsystem schaffen, um im Sinne der schwerstkranken und sterbenden Menschen an einem Strang ziehen zu können. Dazu tragen diese Hospizgespräche maßgeblich bei, weil sie die Akteure allesamt an einen Tisch holen.“

Der bundesweite Kongress mit jährlich bis zu 400 Teilnehmern zu aktuellen Themen der hospizlichen wie palliativen Versorgung mit Experten aus Politik, Kassenwesen, Medizin, Pflege, Ehrenamt, Seelsorge und Wissenschaft findet seit 2006 einmal jährlich im Rahmen der Aachener Hospizgespräche statt. Die organisierende Servicestelle Hospiz für die Städte-Region Aachen wurde aus den Aachener Hospizgesprächen heraus ins Leben gerufen, um die Koordination der Hospizgespräche und des Netzwerkes zu übernehmen, Fortbildungen anzubieten, die Öffentlichkeitsarbeit weiterzuentwickeln und am Hospiztelefon zu beraten. Unterstützt wird der bundesweite Kongress von der Grünenthal GmbH, der Caritas-Gemeinschaftsstiftung für das Bistum Aachen und der StädteRegion Aachen.


Abb. oben: Schmitter/Grünenthal



Quelle: Grünenthal GmbH, 02.02.2019 (tB).