Stiftung Warentest

Blutdruckgeräte im Test – oder: wer prüft eigentlich was?

Heidelberg (24. Oktober 2018) - Die Stiftung Warentest hat heute die Ergebnisse des neuen Tests von Blutdruckmessgeräten veröffentlicht. Von den getesteten Geräten wurde nur ein Gerät für gut befunden. Die Messgenauigkeit der geprüften Geräte wurde maximal mit befriedigend eingestuft. Die Deutsche Hochdruckliga verwendet ein anderes Verfahren zur Bewertung der Qualität von Blutdruckmessgeräten. Beide Verfahren sind nicht vergleichbar. Dennoch begrüßt die Hochdruckliga die Veröffentlichung der Stiftung Warentest. „Dadurch wird die Blutdruckmessung in den Fokus der öffentlichen Wahrnehmung gerückt.“



Die Stiftung Warentest ist die bekannteste gemeinnützige Verbraucherorganisation in Deutschland. Sie testet und vergleicht verschiedene Produkte und hat sich damit deutschlandweit einen Namen gemacht. Heute wurden die Ergebnisse eines neuen Tests von Blutdruckmessgeräten zur Selbstmessung veröffentlicht [1] – die Testsieger sind jedoch nicht deckungsgleich mit den Geräten, die das Prüfsiegel der Deutschen Hochdruckliga e.V. DHL® | Deutschen Gesellschaft für Hypertonie und Prävention erhalten haben [2]. Was viele nicht wissen: Die Deutsche Hochdruckliga prüft auf Antrag der Gerätehersteller Blutdruckmessgeräte und verleiht ein Prüfsiegel für deren Messgenauigkeit. Die Tests finden durch unabhängige Prüfinstitute statt, welche dem Auftraggeber nicht benannt werden. Das Prüfinstitut muss bei seiner Validierung detaillierte Vorgaben bei der Prüfungsvorbereitung, Prüfungsdurchführung und Prüfungsauswertung beachten [3].

Wie lässt sich nun das Prüfsiegel der Deutschen Hochdruckliga mit dem Test der Stiftung Warentest vergleichen? Ganz einfach, gar nicht: Beide Organisationen testen anders und letztlich auch etwas Anderes. Die Deutsche Hochdruckliga testet einzig und allein die Messgenauigkeit, die Stiftung Warentest bewertet aber zusätzlich auch die Handhabung und Störanfälligkeit. Die Handhabung fließt sogar mit 30% in das Gesamtergebnis ein. Dazu zählen die Verständlichkeit der Gebrauchsanleitung, Anzeigen und Bedienelemente und die Batterie-/ bzw. Akkulaufzeit. Zur Störanfälligkeit gehört beispielsweise ein Falltest aus Tischhöhe. Es wird geschaut, ob das Gerät nach zwölf Stürzen aus Tischhöhe noch korrekt misst.

„All das steht nicht im Fokus unserer Testung, zumal viele dieser Dinge auch subjektiv sind. Der eine Anwender findet die eine Bedienoberfläche nutzerfreundlich, der andere präferiert eine andere. Für den anderen ist ein Messwertspeicher für zwei Personen wichtig. Der andere trägt die Werte sofort nach der Messung graphisch in sein Blutdrucktagebuch ein. Warum in einen Test einfließen muss, wie viel Schaden das Gerät nimmt, wenn es vom Tisch fällt, ist schwer nachzuvollziehen, solange vom Gesetzgeber keine Vorgaben hierzu kommen.“, erklärt Professor Bernhard Krämer, Mannheim, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Hochdruckliga e.V. DHL® | Deutschen Gesellschaft für Hypertonie und Prävention „Für uns Mediziner ist die Messgenauigkeit das wichtigste Kriterium. Bei näherer Betrachtung liegen die von der Stiftung Warentest geprüften Oberarmgeräte bei der Messgenauigkeit gar nicht so weit auseinander. Das deckt sich mit unseren eigenen Untersuchungen. Wir verzichten daher bewusst auf eine Benotung der von uns validierten Geräte. Das macht keinen Sinn. Geräte die bei uns nicht gelistet sind, wurden entweder nicht validiert bzw. wurden nicht erfolgreich validiert [4].

Die Hochdruckliga kritisiert auch, dass diese „weichen Kriterien“ vom „harten Kriterium“ der Messgenauigkeit ablenken. Ein Gerät, das nicht ganz so genau misst, aber evtl. einen Sturz vom Tisch gut übersteht und vom Tester als sehr bedienfreundlich eingestuft wird, könnte im Gesamtergebnis noch relativ zufriedenstellend abschneiden. Umgekehrt ist es möglich, dass messgenaue Geräte wegen einer schlechteren Beurteilung der Handhabung und Störanfälligkeit ebenfalls nur im Mittelfeld landen.

„Das ist am Ende auch der Grund, warum beide Tests nicht miteinander vergleichbar sind. Stellt man beide Tests gegenüber, so ist es, als vergleiche man Äpfel mit Birnen – beide Prüfverfahren haben unterschiedliche Kriterien“, so Professor Bernd Sanner, Wuppertal, Mitglied des Vorstands der Deutschen Hochdruckliga e.V. DHL® | Deutschen Gesellschaft für Hypertonie und Prävention und Sprecher der Sektion Hochdruckdiagnostik. Es kommt aber noch etwas dazu: Auch wenn man Äpfel mit Äpfeln vergleicht und nur die Messgenauigkeit beider Tests betrachtet, erkennt man Unterschiede bei der Erhebung. Aus Sicht der Deutschen Hochdruckliga sind mindestens 96 Personen erforderlich, um ein hinreichend sicheres Urteil abzugeben [5]. Von der Stiftung Warentest wurden die Geräte an lediglich 32 Probanden getestet, also deutlich weniger. Je grösser die Anzahl der Probanden, desto aussagekräftiger ist das Ergebnis. Statistiker sprechen auch vom Gesetz der großen Zahlen. Aus Sicht der Hochdruckliga wird auch der Patientensimulator abgelehnt. Es macht keinen Sinn, die Beschaffenheit der menschlichen Gefäße sowie das Pump- und Druckverhalten des Herzens künstlich nachzubilden. Die Messgenauigkeit von Blutdruckmessgeräten sollte unter realen Bedingungen an einer ausreichend großen Probandenzahl validiert werden.

„Dennoch sind wir froh, dass die Stiftung Warentest die Testung von Blutdruckgeräten durchführt. Die z.T. etwas unterschiedlichen Einstufungen einiger Geräte lassen sich im Großen und Ganzen mit den unterschiedlichen Messkriterien erklären, die angelegt wurden. Jeder Verbraucher muss für sich entscheiden, welche Prüfkriterien für ihn von Bedeutung sind. Wir sehen uns auch nicht im Prüfwettbewerb mit der Stiftung Warentest, sondern freuen uns darüber, dass sie auch Blutdruckmessgeräte testet. Denn dadurch wird die Blutdruckmessung in den Fokus der öffentlichen Wahrnehmung gelenkt. Das bei weitem größte Problem ist schließlich, dass auch heute noch zu wenig Menschen ihre Blutdruckwerte kennen und selbst Menschen mit zu hohen Werten nicht regelmäßig unter standardisierten Bedingungen ihren Blutdruck messen“, erklärt Professor Krämer.

Um vergleichbare Messwerte zu erhalten, ist die regelmäßige Messung mit der passenden Manschettengröße nach fünf minütiger Pause wichtig. Nur so lassen sich die individuellen Messwerte auch mit den Normwerten vergleichen. Bei der Selbstmessung sollte der obere (systolische) Wert nicht über 135 mm Hg liegen bzw. der untere (diastolische) Wert nicht unter 85 mm Hg. Morgens sollte vor der etwaigen Einnahme von blutdrucksenkenden Medikamenten gemessen werden. Der Messarm sollte nicht durch Kleidung oder Schmuck abgeschnürt sein. Zur Messung sollte man neben einem Tisch auf einem Stuhl sitzen und beide Beine auf den Boden stellen. Der Oberarm liegt bei der Oberarmmessung entspannt auf dem Tisch auf bzw. alternativ wird der Arm mit dem Handgelenksgerät entspannt auf Herzhöhe gehalten. Das geht am besten, wenn ein Kissen untergelegt wird. Dreißig Minuten vor der Messung sollten körperliche Aktivitäten vermieden werden. Während der Messung sollte man sich nicht bewegen und auch nicht sprechen. Wichtig ist auch, zweimal im Minutenabstand zu messen und den zweiten (meist niedrigeren) Wert aufzuschreiben. Bei unregelmäßigen Herzschlägen wird empfohlen, dreimal im Minutenabstand zu messen und den Durchschnitt zu notieren [6].


Originalpublikation

[4] The German Hypertension League (Deutsche Hochdruckliga) Quality Seal Protocol for blood pressure-measuring devices: 15-year experience and results from 105 devices for home blood pressure control.
Tholl, Ulrich; Lüders, Stephan; Bramlage, Peter; Dechend, Ralf; Eckert, Siegfried; Mengden, Thomas; Nürnberger, Jens; Sanner, Bernd; Anlauf, Manfred.
Blood Pressure Monitoring: August 2016 - Volume 21 - Issue 4 - p 197–205.
doi: 10.1097/MBP.0000000000000186

Weitere Informationen

[1] https://www.test.de/shop/test-hefte/test_11_2018/
[2] https://www.hochdruckliga.de/messgeraete-mit-pruefsiegel.html
[3] https://www.hochdruckliga.de/tl_files/content/dhl/downloads/DHL-Anforderungen-Pr...
[5] https://www.hochdruckliga.de/tl_files/content/dhl/downloads/DHL-XXXXX-16-Pru%cc%...
[6] www.blutdruckmessen-aber-richtig.de


Quelle: Deutsche Hochdruckliga, 24.10.2018 (tB).